Kritik: WIR VERLORENEN

Bewertung: 2.5 von 5.

Wir Verlorenen von Jana Taysen

Jana Taysens dystopisches Debüt lässt nach starkem Beginn ebenso stark nach und wandelt sich zu einer erzwungenen Romanze, die sich völlig unnatürlich anfühlt.

Hmpf. Zunächst einmal: der Titel ist durchaus passend gewählt, denn sämtliche Protagonisten in diesem dystopischen Roman sind verloren oder haben jemanden verloren, den sie lieben. Smilla, die Hauptfigur, der diese Geschichte folgt, ist mit ihrer kleinen Schwester Jera in der Eifel gestrandet – mitten in der Postapokalypse. Ja, liebe Leute, ich bin auch weiterhin mutig genug, inmitten einer Pandemie Bücher über fiktive Pandemien zu lesen, die praktisch die Zivilisation ausgelöscht haben. Die Mutter der beiden Schwestern ist an der Seuche gestorben, der Vater war in Frankreich, als sie ausbrach – folglich wollten die beiden dorthin, um ihn zu suchen. Wenig überraschend schaffen es zwei Mädchen inmitten dieses Szenarios nicht allein zu Fuß nach Frankreich, sondern landen irgendwo im Nirgendwo, wo sie glücklicherweise von einer anderen Familie aufgenommen werden und die nächsten Jahre bei ihr verbringen. Das ist das Setting am Beginn von Jana Taysens Geschichte, die vier Jahre später beginnt, als Smilla inmitten dieser harten, gnadenlosen Realität plötzlich auf ein bekanntes Gesicht trifft: Falk, der Nachbarsjunge, dem sie früher Nachhilfe gegeben hat und der ganz anders als sie mit dieser neuen Welt umgeht: während Smilla und ihre Gruppe sich in einem Bunker verstecken und den Kontakt zur Außenwelt meiden, ist Falk wesentlich rücksichtsloser.

Schon bei ihrem ersten Treffen hetzt er seinen Hund auf die Mädchen, und nur die Tatsache, dass er die beiden erkennt, hält ihn davon ab sie auszurauben. Smilla trifft sich trotzdem weiter mit ihm, weil er für sie eine Verbindung zu besseren Zeiten darstellt – und von da an geht es leider abwärts. Während der Roman gut beginnt, wird er mit jeder Begegnung zwischen Falk und Smilla schlechter.

Denn Smilla, dieser zutiefst gute Mensch, eine junge Frau, die sich sogar dafür schämt, Bücher aus einem verlassenen Buchladen mitzunehmen, ist fasziniert von Falk. Und das, obwohl sie spätestens nach einem gemeinsamen Ausflug zum Markt weiß, das in ihm eine wilde Bestie steckt, denn er nutzt diesen Ausflug, um einen Mann windelweich zu prügeln. Hinzu kommen seine endlos wirren Vorträge über die Vorzüge dieser postapokalyptischen Welt, deren Sozialdarwinismus ihm so wundervoll erscheint: die Starken herrschen, die Schwachen verrecken.

Selbst, als das ganze Ausmaß von Falks Verbrechen zutage tritt, begegnet ihm Smilla immer noch mit Respekt – warum? Also nein, diese Romanze hat mich nicht im geringsten überzeugt. Weil ich ihr Interesse für ihn von Anfang an als absurd empfunden habe – wenn ich meinen Hund auf jemanden hetze, verliebt der sich nicht in mich. Nicht mal in einer postapokalyptischen Welt irgendwo im nirgendwo.

So mutiert dieses Buch nach einem guten Beginn leider zu einem Roman, in dem die naive Heldin ihre Zeit damit verplempert, einem hübschen Bösewicht zu verfallen und ernsthaft glaubt, seine raue Schale abstreifen zu können und darunter einen strahlenden Engel zu finden. Insbesondere die letzten Kapitel waren eine Zumutung – Smilla findet sich in einer schlimmen Situation wieder und führt trotzdem mit den dafür Verantwortlichen fast normale Gespräche, die angesichts von deren Plänen mit ihr völlig…widernatürlich sind. Unlogisch. Was mich ebenfalls irritierte, ist Smillas Umgang mit ihrer kleinen Schwester, die ihr doch zu Beginn noch so sehr am Herzen lag und die sie dann im Verlauf der Handlung auffällig oft zurücklässt. Unter dem Strich leider eine Enttäuschung.

Vielen Dank an Netgalley und den Kirschbuch Verlag für ein Freiexemplar dieses Buchs im Gegenzug für eine ehrliche Kritik.



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