Rezension: ERFRORENE SEELE

Bewertung: 4.5 von 5.

by Berit Sellmann



‚Ich verliere alles, was ich finde.‘

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Ein bockstarkes Mystery über die Kraft von Sprache und Erinnerung, sprachgewaltig erzählt und perfekt zusammengesetzt. Berit Sellmanns ‚Erfrorene Seele‘ wird langsam und beeindruckend aufgebaut und mit gleich mehreren elegant vorbereiteten Überraschungen aufgelöst – dieser Roman lässt wirklich nur ganz wenige Wünsche offen.

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‚Das Land duckte sich so sehr in die tarnende obere Rundung der Globuskugel und legte den Kopf dabei in einer Art unbeholfen an das Bein der oberen Rotations-Nadel, als fürchtete es sich wie ein Kleinkind, das sein Gesicht in den Kniebeugen des Vaters drückte. Vor unbekannten Blicken. Es war wortwörtlich weiß vor Angst.‘



Sellmanns Sprache ist bildlich und ausgesprochen…literarisch. Es ist kein einfacher Schreibstil, nein, das hier liest man nicht eben lässig im Vorbeigehen, hier hat jede Seite, jeder Satz, jedes kleine Wörtchen seine Bedeutung. Wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen, dann ist es das mehr als wert. Der Roman folgt seiner Ich-Erzählerin und Protagonistin Wiebke auf der Suche nach ihrer verschollenen Mutter, die vor vielen Jahren von einer Reise in ihre Heimat Grönland nicht zurückgekehrt ist. Wiebke ist folglich allein bei ihrem Vater aufgewachsen, der durch den Schmerz über den Verlust seiner Frau in Alkohol und Depressionen versunken ist. Malin, Wiebkes Mutter, ist zum Tabuthema geworden – bis Wiebke ein Tagebuch ihrer Mutter findet, das diese auf grönländisch verfasst hat. Da ihr Vater sich weigert, macht sie sich kurzerhand selbst auf nach Grönland.

‚Mein Kopf versuchte schlichtweg, sich abzulenken von der unrealistischen Vorstellung, meine Mutter würde vor einer atemberaubenden Kulisse wie dieser auf mich zulaufen. Ein erleichtertes Grinsen auf den Lippen und Tränen in den Augen und die Arme ausgebreitet, als wollte sie mich und die Schönheit Grönlands gleichzeitig in die Arme schließen. Es würde wehtun, sie zu finden. Es würde kalt sein, sie zu sehen, wie das Meerwasser, in das ich meine Hände Minuten später tunkte. Und es würde so warm und hell leuchtend sein wie die Sonne in Grönland, wenn sie auf die bunten Holzhäuser sank. Eine Gefühlslandschaft voller Kontraste. Ich war auf dem Weg in Richtung Wahrheit. Und ich hatte Angst. Ein ganzes Meer voll.‘



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Voilà, Grönland. Sobald Wiebke die zweitgrößte Insel der Welt betreten hat, merkt man, dass die Autorin selbst dort gewesen ist und ihren Aufenthalt genossen haben muss, denn die raue Schönheit der Landschaft springt einem von nun an förmlich entgegen. Doch es ist nicht nur die Landschaft, die Wiebke begeistert, sondern auch Pana (Ja, Pana, nicht Papa! Der Name hat mich wirklich andauernd irritiert 😀 ), den sie dort trifft und der ihr auf der Suche nach ihrer Mutter behilflich ist. Wiebkes Ziel, endlich ihre Mutter wiederzusehen, ist dennoch für lange Zeit fast der einzige Gedanke, den sie mit manischer Besessenheit verfolgt.

‚Mein Blick traf das Gesicht einer Frau, die die Augen meiner Mutter hatte. Ein kleiner Junge, an ihrer Hand, auch er hatte die Augen meiner Mutter. Das eines alten Mannes mit Zigarette in der Hand, den seine gebückte Haltung noch kleiner machte, als er sowieso schon war. Erst spät schien er das Auto zu bemerken und eilte zur Seite. Sein Gang war unstet und ich war mir unsicher, ob es nur das Alter war, das ihn so unbeholfen einen Schritt vor den anderen setzen ließ. Selbst seine Augen waren die meiner Mutter.‘
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‚Mein Kopf versuchte schlichtweg, sich abzulenken von der unrealistischen Vorstellung, meine Mutter würde vor einer atemberaubenden Kulisse wie dieser auf mich zulaufen. Ein erleichtertes Grinsen auf den Lippen und Tränen in den Augen und die Arme ausgebreitet, als wollte sie mich und die Schönheit Grönlands gleichzeitig in die Arme schließen. Es würde wehtun, sie zu finden. Es würde kalt sein, sie zu sehen, wie das Meerwasser, in das ich meine Hände Minuten später tunkte. Und es würde so warm und hell leuchtend sein wie die Sonne in Grönland, wenn sie auf die bunten Holzhäuser sank. Eine Gefühlslandschaft voller Kontraste. Ich war auf dem Weg in Richtung Wahrheit. Und ich hatte Angst. Ein ganzes Meer voll.‘



Nach und nach heben Wiebke und Pana gemeinsam den Schleier, der über ihrer Vergangenheit und der Identität ihrer Mutter liegt, aber für jede Antwort, die Wiebke findet, stellen sich ihr sofort zwei neue Fragen, die sie fast an ihrem Verstand zweifeln lassen.

‚Eine Antwort, wenigstens eine. Beinahe tat es gut. Der Kontrast zu den nicht beantworteten Fragen erschien mir so groß wie der zwischen den lebensfrohen Farben im Schoß der kargen, baumlosen Landschaft. Leblose Tundra, die die vielen Häuser sicherlich ins Meer geschmissen hätte, könnte sie sich über die Menschen und ihre Hinterlassenschaften erheben. Mein inneres Auge sah dabei zu, wie all die Klötze aus Farbe in den Ozean fielen. War ich es, die darin versank? Im Meer der Fragen?‘

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Die Lösung des Rätsels findet sich in einzelnen Brotkrumeln inmitten all dieser sprachlichen Schönheit, zwischen all den Tagebucheinträgen und Rückblenden – zwar versteckt, aber nicht völlig verborgen, ganz so, wie es sein sollte. So kommt die Auflösung nicht aus dem Nichts, sondern ist perfekt aufgebaut und daher glaubhaft – der Handlungs- und Spannungsborgen von ‚Erfrorene Seele‘ ist absolut perfekt, und das Ende gleichermaßen berührend wie beeindruckend.

Was habe ich zu meckern? Wie schon gesagt, wirklich nicht viel. Am Anfang fand ich die Dialoge etwas gestelzt, im Mittelteil ein paar Gefühlsentwicklungen deplatziert, zum Ende hin, dass Wiebke ihren Vater etwas aus den Gedanken verloren hat, aber wie gesagt, das waren minimale Kritikpunkte, die hinter dem wundervollen Schreibstil weit zurückstehen. Wiebkes Persönlichkeit, Gefühle und Entscheidungen sind über das ganze Buch hinweg konsistent und logisch nachvollziehbar, die Geschichte ist großartig erzählt – was macht das? Richtig, fünf Sterne!

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4 Kommentare zu „Rezension: ERFRORENE SEELE

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