Rezension: HERKUNFT

Bewertung: 5 von 5.

by Saša Stanišić



„Ich brauche niemandem zu erklären, warum ich dort, wo ich herkomme, nicht mehr bin. Es kommt mir vor, als würde ich genau das aber immerfort tun. Fast entschuldigend auch. Auch mir selbst gegenüber. Es kommt mir vor, als stünde ich wegen der Geschichte dieser Stadt, Visegrad, und wegen des Glücks meiner Kindheit in einer Schuld, die ich mit Geschichten begleichen muss. Es kommt mir vor, als meinten meine Geschichten diese Stadt sogar dann, wenn ich nicht über sie schreiben will.“



‚Herkunft‘ ist ein außergewöhnliches Biopic über genau das, was der Titel verspricht: Über die Wurzeln eines Menschen, darüber wie tief sie reichen und was sie eigentlich sind – sind es die Orte, an denen wir aufwachsen? Ist es das Dorf, aus dem unsere Eltern kommen, oder der Bauernhof unserer Großeltern? Oder sind unsere Wurzeln vielleicht gar keine Orte, sondern geliebte Menschen? Stanisic erzählt die Geschichte des Auszugs seiner Familie aus ihrer Heimat Jugoslawien und von ihren Bemühungen, anderswo Fuß zu fassen. Dies ist ein Buch über Sprache, über Identität, über Flucht und ihre Ursachen. Und mehr als alles andere ist dies ein Buch über Familie: mal ergreifend, mal herrlich pointiert schildert der Autor die Leben seiner Familie und insbesondere die Beziehung zu seiner Großmutter.

„Jugoslawien tanzt in die Morgendämmerung. Einer aus Split träumt auf dem Stuhl. Einer aus Ljubljana geht auf sein Zimmer. Einer aus Tuzla verabschiedet sich mit einer aus Titograd nach oben. Einer aus Novi Sad döst weg auf dem Klo. Einer aus Skopje stellt den Wecker auf dreizehn Uhr. Gute Nacht, Genossen, gute Nacht.“



Der Vielvölkerstaaat Jugoslawien zerbricht, an seine Stelle treten ein halbes Dutzend neuer Staaten und ebenso viele blutige Konflikte. Wie so viele andere Familien, fliehen auch die Stanisics aus ihrer Heimat und machen sich auf nach Deutschland, wo sie fast ganz unten neu beginnen müssen. Hier bieten sich ihnen nicht viele strahlende Perspektiven, stattdessen Arbeit zu Niedriglöhnen und Fremdenfeindlichkeit – auch das macht dieses Buch so aktuell.

„Heute ist der 29. August 2018. In den letzten Tagen haben tausende in Chemnitz gegen die offene Gesellschaft in Deutschland demonstriert. Migranten wurden angefeindet, der Hitler-Gruß hing über der Gegenwart.“



Jedesmal, wenn ich solche Bilder im Fernsehen sehe, kriege ich das kalte Kotzen. Bis heute ist mir völlig unbegreiflich, wie ausgerechnet in diesem Land eine solche Bewegung, eine solche Sprache, ein solcher Hass wieder aufkommen konnte. Wie eine solche Partei von Rassisten und Ewiggestrigen zur stärksten Oppositionspartei des Landes werden konnte. Stanisic geht auf den Alltagsrassismus der 90er Jahre nicht häufig ein, aber er ist immer da, und er sollte nicht da sein. Nicht in diesem Land. Aber zurück zum Buch.

„>Du stehst vor der Tür und liest: Ziehen. Das ist eine Tür. Das sind Buchstaben. Das ist Z. Das ist I. Das ist E. Das ist H. Das ist E. Das ist N. Ziehen. Willkommen an der Tür zur deutschen Sprache. Und du drückst.“



Die Sprachbarriere ist der entscheidende Faktor, und offensichtlicher als Sasa Stanisic könnte man sie wohl überwunden haben. Dies ist nicht nur ein Buch über Flucht und Herkunft, sondern auch übers Ankommen: Ankommen in einem neuen Land, einer neuen Gesellschaft, einer neuen Sprache. Sasa Stanisics Sprache in diesem Buch ist in großen Teilen mit einem ironischen Augenzwinkern unterlegt, insbesondere bei all den erfundenen oder wahren Anekdoten aus seiner Teenagerzeit:

„Und Ines haut vor den Fahrkartenkontrolleuren aus dem Bus ab, sprintet in den Bahnhof, die hinterher, sie springt in einen IC, die Türen schließen, sie fällt dem Schaffner direkt in die Arme, sorry, Alter, keine Zeit, Ticket zu kaufen. (…)Steigt in Bensheim aus, wartet fast eine Stunde auf den Zug zurück, verpasst ihren Termin.
‚Wo wolltest du hin, Ines?‘
‚Vorsprechen beim VRN. Die suchen Fahrkartenkontrolleure.“



Ein Meisterwerk vom Anfang bis zum Ende, großartig und unterhaltsam erzählt, mit einem ganz besonderen erzählerischen Kniff am Ende, der vielleicht nicht jedermanns Geschmack trifft – meinen aber schon. Große Leseempfehlung, für alle, die sich diesen Roman noch nicht zu Gemüte geführt haben.

„Nach dem Frühstück mache ich das Kind fertig zum Zerstören von Dingen.“




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